Mittwoch, 23. März 2011

Und schon wieder...

Eine jede Hoffnung ist ohne Sinn.
Kein Mensch verfalle auf die Idee, auf die Erfüllung seiner Träume zu sinnen. 
Vielmehr soll er den Irrsinn des Hoffens begreifen.
Hat er ihn begriffen, darf er hoffen.
Wenn er dann noch träumen kann, hat sein Leben einen Sinn.

(Robert Schneider, aus "Schlafes Bruder") 
 
 

Dienstag, 22. März 2011

Heiliger Gral vs. Pappbecher...

„Was müssen die armen Menschen suchen und irren! 
Von einem Geliebten zum anderen hetzen sie und wissen nicht, 
dass Gott ihnen einen Menschen von Ewigkeit her zugedacht hat. 
Einen Menschen, der dasselbe Herzschlagen trägt wie sie.“ 

(Robert Schneider, aus "Schlafes Bruder")

Samstag, 19. März 2011

Gedanken im (Ver)zug

heimkehr

knospende weidenkätzchen
zartfühlend bebend
in nässendem grau

vorjahresblätter kontern
trotzig raschelnd
mit trockenem braun

knisternde grashalme
erweichen widerstandslos
unter zerberstenden tropfen

zornige brombeerranken
klammern noch immer
am sommer vom vorigen jahr

bleiche birken
schwanken seufzend
vor scharfem frühlingswind

fliegende landschaften
rasen vorbei an wüsten feldern
unbestellt

innen starren trübe augen durch neonlicht
in ein blasses spiegelbild
fleckiger fensterscheiben


Freitag, 18. März 2011

Das Lied von der Moldau

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.
Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt. 

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Bertolt Brecht


Anspieltipp:


Mittwoch, 16. März 2011

Dein Auge

Seit ganz mein Aug' ich durft in deines tauchen,
Auf ewig schlöss' ich's gern - ich sah genug;
Kein Erdenschatten sollte mehr behauchen
Den Spiegel, der das Bild des Himmels trug.

Felix Dahn


Dienstag, 15. März 2011

Von Frauen und anderen Untieren

6.3.2011

Nach einer turbulenten Woche voller Höhen und Tiefen des zwischenmenschlichen Kuriosums, platzte es so aus mir hervor.
Und das nach erfolgreicher, jahrelanger  schriftstellerischer Abstinenz.
Aber es muss einfach raus.

Ich frage mich, warum zum Teufel macht man sich als Frau eigentlich ständig das Leben selber schwer, wo doch genügend andere diese Aufgabe nur allzu bereitwillig übernehmen?

Hier ein Beispiel…
Man trifft jemanden der nett ist, intelligent, witzig sowieso, jemanden der es offenbar ehrlich mit einem meint, der einen nicht mit abgedroschenen Anmachsprüchen ermüdet & zudem optisch durchaus ein Leckerbissen ist.
Was macht frau also, anstatt unverzüglich auf die Knie zu fallen & den Göttern für dieses unerwartete Geschenk des Himmels zu danken, wie es eigentlich angebracht wäre?
Stattdessen macht sie sich sinnbildlich mit Adleraugen & säuberlich manikürten Nägeln auf die akribische Suche nach den schwarzen Mitessern auf Biografie & Seele, die es schleunigst auszumerzen gilt. Ungeachtet natürlich der unliebsamen Tatsache, dass man selbst längst der Pubertät entwachsen, durchaus den ein oder anderen hässlichen Eiterpickel mit sich herumschleppt.
Aber nicht doch, nicht doch!
Das tut man selbstverständlich nicht, um den Partner in Frage zu stellen, geschweige denn ihn umzuerziehen, sondern ausschließlich um ihm endlich zu einem besseren Leben zu verhelfen.
Was ja auch höchste Zeit wird, aber das bleibt unter uns.
                                                                              
Sind wir doch mal ehrlich, meine Damen.
Genau so gut am Samstagnachmittag in der gut besuchten Fußgängerzone auf ein Taschentuch zu spucken und dem Liebsten mit selbigem durchs Gesicht wischen.
Na, klingeln da nicht unverzüglich alte Kindheitserinnerungen an der Tür, dümmlich grinsend und genau so willkommen wie die Zeugen Jehovas?
Auf Dauer hat ein so ein Verhalten ähnliche Auswirkungen auf die männliche Psyche wie eine Kastration auf dem Küchentisch. Fehlte nur noch, ihm die Kronjuwelen anschließend püriert & auf Eis in einem Martini-Glas mit einem rosa Schirmchen darzureichen.
In diesem Sinne: Stößchen, meine Damen!

Derlei Angewohnheiten kann man jedenfalls nur noch schwerlich mit dem oft erwähnten Helfersyndrom erklären. Könnten unter Umständen vielleicht die weibliche Gene dafür zur Rechenschaft gezogen werden? Irgendwelche Vorschläge?

Jedenfalls frage ich mich immer wieder, warum man als Frau einem ausgemachten Arschloch, dass einen gefühlte Ewigkeiten am unsichtbaren Gummiband ganz nach Belieben hin- und herschnipsen lässt, eigentlich viel mehr verzeiht, als jemandem, der es mehr als verdient hätte, geliebt zu werden?
Wollen Frauen trotz unzähliger verbrannter BH’s am Ende doch lieber verarscht werden? Natürlich um anschließend ausgiebig über die verhasste Männerwelt zu schimpfen!
Suchen wir, trotzdem wir gerne lautstark in der Öffentlichkeit unsere feminine Unabhängigkeit proklamieren, immer noch einen, der uns mal so richtig zeigt, wo’s langgeht?

Bei dem einen sucht man also verzweifelt nach dem versteckten Haken, genau jenem Haken, den man sich beim anderen Exemplar permanent eintritt, es aber ob des endorphin-vernebelten Matsch-Hirns nicht mal merkt.

Verdammt, ist das peinlich!
Ich glaube, ich gehe gleich morgen früh in die Zoohandlung und erwerbe einige Katzen.
Da weiß ich wenigstens von vornherein, dass ich nur für’s Kochen und Putzen zuständig bin.
Im Übrigen, haben Sie schon mal versucht, eine Katze zu erziehen?
Falls ja, ich wäre dankbar für jeden Hinweis.
Man braucht ja schließlich eine Aufgabe im Leben. 


Donnerstag, 10. März 2011

Fangen wir mit Frühling und Liebe an:

Soll ich kleine Lieder singen,
Wie ich oftmals tat?

Sonne schon und Nachtigallenschwingen

Naht.

Unterm Schnee die Quellen rauschen

Schon dem Frühling zu.

Laß uns lächeln, laß uns lauschen!

Du!

Rinnt nicht auch in deinen Tränen

Schon der Mai?

Liebend Berge sich an Berge lehnen.

Sei!

Eine Tanne steht im jungen Triebe,

Wo der Marder schlich.

Winter wankt. Die Föhne stürmen. Liebe

Mich!

Klabund (1890-1928)

 


Dienstag, 8. März 2011

An das Herz

Willst du nicht dich schliessen,
Herz, du offnes Haus!
Worin Freund’ und Feinde
Gehen ein und aus?

Schau, wie sie verletzen
Dir das Hausrecht stets!
Fühllos auf und nieder,
Polternd, lärmend geht’s.

Keiner putzt die Schuhe,
Keiner sieht sich um,
Staubig brechen alle
Dir ins Heiligtum;

Trinken aus den goldnen
Kelchen des Altars,
Schänden Müh’ und Segen
Dir des ganzen Jahrs;

Werfen die Penaten
Wild vom Herde dir,
Pflanzen drauf mit Prahlen
Ihr entfärbt Panier.

Und wenn zu verwüsten
Nichts sie finden mehr,
Lassen sie im Scheiden
Dich, mein Herz, so leer!

Nein! Und wenn nun alles
Still und tot in dir,
O, noch halt dich offen,
Offen für und für!

Lass die Sonne scheinen
Heiss in dich herein,
Stürme dich durchfahren
Und den Wetterschein!

Wenn durch deine Kammern
So die Windsbraut zieht
Lass dein Glöcklein stürmen,
Schallen Lied um Lied!

Denn noch kann’s geschehen,
Dass auf irrer Flucht
Eine treue Seele
Bei dir Obdach sucht!
 
Gottfried Keller
 

Dienstag, 1. März 2011

Der Kuss  

Es regnet - doch sie merkt es kaum, 
weil noch ihr Herz vor Glück erzittert: 
Im Kuß versank die Welt im Traum. 
Ihr Kleid ist naß und ganz zerknittert  

und so verächtlich hochgeschoben, 
als wären ihre Knie für alle da. 
Ein Regentropfen, der zu Nichts zerstoben, 
der hat gesehn, was niemand sonst noch sah.  

So tief hat sie noch nie gefühlt - 
so sinnlos selig müssen Tiere sein! 
Ihr Haar ist wie zu einem Heiligenschein zerwühlt - 
Laternen spinnen sich drin ein.

Wolfgang Borchert